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Macht uns das Streben nach Perfektionismus menschlicher?

Ich habe mich in letzter Zeit oft über dieses Gemeinschaftsblog mit anderen unterhalten und dabei erlebt, dass der Titel zum Schmunzeln anregt. “Lebendig miteinander Arbeiten. Na, mit dem Friedhof hat das schon mal nichts zu tun.” Was ich für ein sehr positives Zeichen halte. Lebendig miteinander Arbeiten klingt vielleicht erst einmal banal, macht aber auch neugierig.

Was aber kann das Lebendige im miteinander Arbeiten sein? Lebendig miteinander Arbeiten hat etwas mit dem Menschen zu tun und was wir hier mit Worten, Ton und bald auch mehr noch in Bildern bearbeiten, dreht sich für mich um der Frage, was uns menschlich macht. Fragen wir doch einfach mal: Was ist menschlich? Gehört da das zielstrebig, das belastbar sein dazu? Das ganz und gar in einer Rolle aufgehen, der Drang, etwas unbedingt gemacht, etwas geschafft haben zu müssen?

Nun, ich denke diese Eigenschaften gehören dazu, aber die Grenzen zum Leblosen sind fließend. Viele dieser als positiv eingeordneten Eigenschaften empfinde ich nicht selten auch als unmenschlich. Belastbar sind Maschinen, zielstrebig ohnehin, auch wenn es (zum Glück) immer noch unsere Ziele sind. Perfektionistisch sind eher Maschinen und an diese den Maßstab des Perfekten zu richten, kommt mir nicht falsch vor. Perfektionismus als Maß für den Mensch hilft uns aber nicht weiter, auch nicht in der Frage, wie wir miteinander arbeiten wollen.

Mal Hand auf’s Herz, gibt es da nicht auch ein paar weitere Dinge, die uns auch sehr einfach fallen? An unpassenden Situationen Hunger bekommen? Schlechte Laune haben? Allzu pauschale Kritik verteilen? Unpünktlichkeit? Nicht ganz bei der Sache sein und obendrein jemanden anderes von der Arbeit ablenken? Detailverliebtheit, wie sich hinterher herausstellt an der falschen Stelle? Vergesslichkeit oder einfach nur eine ganz persönliche Ignoranz gegenüber bestimmten Themen? Ja, richtig, das sind alles Sachen, da fallen uns lebendige Beispiele ein und es macht ganz oft wirklich keinen Spaß. Aber fragen müssen wir uns auch, warum wir diese “Fehler” nicht in den Griff bekommen?

Könnte ein Grund darin liegen, dass wir ohne Fehler gar nicht als Mensch existieren können? Der Fehler ist nützlich? Unsere ganzen Gesten, unser ganzer Wortschatz und alle unsere Bewegungen sind erlernt über Versuch und Irrtum. Wir finden das nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch auf gesellschaftlicher. Für die Kultur gilt das also auch. Nachahmen heißt nicht, dass das sofort gelingt und welchen Anteil haben wohl Fehler daran, dass sich Kultur und Wissen kontinuierlich weiterentwickelt, anstatt an einer Stelle stehen zu bleiben?

Ich will nicht einseitig werben, sondern für einen ausgeglichenen Umgang mit uns selbst und dem Gegenüber und für ein ausgewogenes Verhältnis von Vorgaben und dem Freiraum, Fehler überhaupt machen zu können. Letztlich kommen wir nicht umher, auch hier wieder mehr Toleranz zu entwickeln für alles, was nicht dem Optimal entspricht, in dem wir uns selbst am wohlsten fühlen. Menschlich sein, heißt für mich, dass ich Menschen so annehme, wie sie sind.* Ein Umfeld, in dem ich Lebendig miteinander Arbeiten kann, schließt dies mit ein.

 

*was nicht heißt, dass ich mich nicht trotzdem jeder Intoleranz entgegen stellen kann.

Kommentare:

  1. Wolfschrieb am

    Kann man nur über Versuch und Irrtum lernen? Kommt wohl auf die Aufgabe an. Wenn es um den Umgang miteinander geht, wie wir zusammen leben, interagieren und arbeiten, dann gibt es meines Erachtens eine Instanz im Menschen, die weiß, was richtig ist. Manchmal ist es eine leise Stimme, die inmitten der erlernten, übernommenen und sonstwie geprägten Muster überhört wird. Aber sie ist da und sie weiß, dass Menschen Fehler machen und dass es nicht hilft, den anderen dafür zu kritisieren …

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