Arbeit ist das halbe Leben, oder?

Gehen wir doch einmal von folgenden Annahmen aus: Die jüngsten Berufseinsteiger sind als Azubis gerade einmal 16 Jahre alt. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren und einem Renteneintritt mit 67 Jahren wäre die Arbeit also mehr als das halbe Leben. Da kommen Studierende noch ein bisschen besser weg.

Wenn wir weiterhin davon ausgehen, dass wir 40 Stunden pro Woche arbeiten, was ausgesprochen optimistisch betrachtet ist, eine halbe Stunde Mittagspause haben und zusätzlich eine Stunde Hinfahrt zum und Rückfahrt vom Arbeitsort abrechnen (was für den einen oder anderen mit Sicherheit auch sehr optimistisch betrachtet ist), bleiben 14,5 Stunden vom Tag übrig. Bei einer empfohlenen Schlafdauer von sieben bis acht Stunden (auch wieder recht optimistisch) bleiben 6,5 bzw. 7,5 Stunden übrig. Arbeit ist dann auch mehr als der halbe Tag.

In Anbetracht dieser einfachen Rechnung halte ich “Leben ist die halbe Arbeit” für sehr viel ansprechender. Was meine ich damit?

Wenn wir in der Lage sind, unsere Arbeit mit Leben zu füllen (und zusätzlich noch unsere Freizeit lebendig zu gestalten), wäre diese Rechnung überflüssig. Denn dann hätten wir eine Tätigkeit, die uns ausfüllt, der wir mit Enthusiasmus und Motivation begegnen, die für uns nicht etwa nur zum Überleben dient, da sie uns die finanziellen Mittel sichert sondern die unserem alltäglichen Arbeitsleben sogar noch einen Sinn gibt. Man nennt es auch “Beruf” oder noch besser “Berufung”. Diese zu finden sollte im Mittelpunkt der Versuche stehen, nach der Schule eine Entscheidung zu treffen. Diese sollte im Mittelpunkt stehen, wenn wir unseren zukünftigen Arbeitgeber wählen. Und diese sollte im Mittelpunkt stehen, wenn wir für uns das passende Arbeitsumfeld suchen. Wer nicht nur eine Arbeit hat, sondern seiner Berufung nachgeht, wird in der Lage sein, qualitativ hochwertige Lebenszeit nicht von Feierabenden, Pausenzeiten, Wochenenden und Urlaub abhängig zu machen. Denn er weiß, dass die Zeit, die er für seine berufliche Tätigkeit aufwendet ebenso wertvoll ist, wie die, die er außerhalb genießt. Dann sind die Personen in seinem Umfeld auch nicht mehr einfach nur Mitarbeiter, Kollegen oder Angestellte, sondern Mitmenschen – sie werden zu Wegbegleitern. Wer das erkannt hat, hat längst auch in sich selbst investiert – denn diese Perspektive eröffnet sich, wenn man sich selber kennt und weiß, was man will. Das herauszufinden und jeden einzelnen dabei zu unterstützen, ist unsere Berufung. und wenn wir an dem Sprichwort festhalten wollen, sagen wir doch lieber: “Berufung ist das halbe Leben”, oder?